Dr. Matthias Müh­ling (Direktor Lenbachhaus, München):„Aber gerade die schweigenden Bilder scheinen auf eine bemerkenswerte Weise zu sprechen. Sie besitzen eine eigene Dramaturgie der Sprachlosigkeit. Sie machen von der Me­tho­de Gebrauch, Dinge, die uns aus unserem pulsierenden Alltag bekannt sind, stillzustellen und die Erscheinungen zu fixieren – wie ein Wissenschaftler, der das Leben stillstellt, wenn er es studieren will. Doch der Naturwissenschaftler seziert den Menschen, die Tiere und Pflanzen, um deren Anatomie, Materialbeschaffenheit und Funktionslogik kennenzulernen. Ina Riepe fixiert nur das äußere Erscheinungs­bild. Festgehalten wird eine bestimmte Form, ein bestimmter Farbwert. Dokumentiert wird die Stille als Respekt vor der Erscheinung. Aggressiver expressiver Pathos wäre wohl das Gegenbild zu ihren Arbeiten. Beschrieben wird jedoch immer das Selbstbewusstsein einer fast feierlichen Stille, es herrscht ausschließlich eine rituelle Starre. Die Faszination der Erscheinung in der Malerei von Ina Riepe entsteht durch die Oberfläche der Erscheinung selbst.

Ina Riepes Bilder sind selbst für den ungeübten Betrachter nur an der Oberfläche einem romantischen Realismus nah. Auf den zweiten Blick offenbart sich das Universum eines künstlerischen Werks, das die Möglichkeiten der Malerei akribisch ausleuchtet, den Prozess des Sehens herausfordert und die Sprache der Beschreibung zum durchaus verzichtbaren Hilfsmittel degradiert. Keine ihrer Arbeiten trägt einen Titel – Worte legen zu sehr fest, was sich erst im Betrachten erschließen mag.

Dabei kommt dem Licht eine besondere Bedeutung zu – nicht nur als ein Faktor, der den Gegenstand bis zur völligen Verfremdung verändern kann. Ob strahlend und hell, mit scharf definiertem Schattenwurf oder gelblich sanft und ge­dämpft, mit verschwimmender Kontur und weichen Schatten: Wie mit riesigen Scheinwerfern wird Regie geführt, es wird zum eigenständigen Protagonisten der Bilder.“

Ina Riepe: „Das Licht ist alles. Es gibt dem Schatten das Zinkgelb zurück, das eine gelbe Wand oder eine Plastikschüssel oder was auch im­mer auf den Gegenstand reflektiert. Es holt Farben von über­allher, weil nichts verloren geht. Farbe im Raum geht nicht verloren: Sie lässt sich nieder, wird zurückgestrahlt, manchmal nur rudimentär. Jedes Blau, Gelb, Grün nistet irgendwo.“

Dr. Sabine Burbaum, Kunsthistorikerin: „Ina Riepe scheint in ihrem eigenen malerischen Kosmos zu leben – einer Welt von Dingen. Es ist wie auf dem Regal Cézannes in seinem zum Museum gewordenen Atelier mit all den Flaschen, Krügen, Gipsstatuetten – variiert immer und immer wieder. Was Marcel Proust – ihr literarisches Universum – beschrieb mit dem Moment des Eintauchens der Madeleine in die Tasse Tee – das ist es:“

Ina Riepe: „Man steht kurz davor, sich zu erinnern, festzuhalten, was wir suchten und wonach wir ein Leben lang suchen und nun vielleicht im Malen der kleinen gelben Schale gefunden zu haben glauben. Unsere Malerei oder Musik oder was auch immer ist die Dokumentation unserer Suche.“